Volksgemeinschaft, Opportunismus und Scham Wie die Deutschen Euthanasie und andere Menschheitsverbrechen zuließen und danach schwiegen

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„Bei Hitler war auch nicht alles schlecht“ – diese Aussage von manchen Zeitzeugen hat Vielen immer schon einen Schauer über die Haut gejagt. Dabei stimmt diese Aussage. Zumindest, wenn diejenigen, die dies sagten, nur ihren eigenen Horizont im Blick hatten: „arisch“, linientreu und vom Krieg selbst nicht betroffen. Für alle anderen war es die Hölle.

Der wohl profilierteste Experte, der Historiker und Politikwissenschaftler Götz Aly, hat sich in seiner Forscherkarriere nie mit rein ideologischen Erklärungsmustern zufrieden gegeben. Sondern er hat nach den materiellen Bedingungen gefragt. Auf der Basis seiner und der eigenen Forschungen zu dieser Zeit will die studierte Politikwissenschaftlerin und Journalistin Regina Braungart, Vorsitzende des Vereins KZ-Gedenken in Spaichingen e.V., am Mittwoch, 11. November, um 19.30 Uhr in „Primel – der Treff“ dazu anregen, in der Betrachtung der Geschichte die Grautöne zu suchen. Auch heute. Der Abend steht in der Tradition des ökumenischen Solidaritätswegs, zu dem seit vielen Jahren anlässlich des Gedenkens an die Reichspogromnacht am 9. November 1938, der evangelischen und katholischen Kirche und des Vereins KZ-Gedenken in Spaichingen.

  
Doch wie ging das damals zu? Das Nazi-Regime zahlte bewusst auf die Einheit der „Volksgemeinschaft“ ein – soziale Wohltaten, Urlaub, Aufstiegschancen, scheinbare Sicherheit. Wer profitierte, stellte weniger Fragen. Und Fragen waren nicht erwünscht: Schon früh wurde der Reichshaushalt unter Verschluss gehalten, denn wer hinsah, musste ahnen, worauf wegen der Schulden alles zusteuerte. Denn die sichtbaren Wohltaten hatten einen Preis, den andere zahlten: Deutsche profitierten vom Raub an den Gewerkschaften, ihren jüdischen Mitbürgern, auch durch Aufstieg in deren Positionen. Später flossen Beute und Lebensmittel aus den besetzten Ländern des Ostens in die Heimat, und Millionen Deutsche Soldaten sahen, was dort geschah – die Verbrechen in Polen und der Sowjetunion geschahen vielfach mit ihrer Beteiligung oder Mitwisserschaft. Diese schleichend eingeführte Komplizenschaft war die Kehrseite der „Volksgemeinschaft“. Viele merkten erst zu spät, dass sie darin gefangen wurden. Die Scham darüber – und die Angst vor der Rache für beispiellose Verbrechen ließ Tausende bis bis zum letzten Tag kämpfen und sterben, und die Überlebenden schwiegen.

Der Vortrag zeigt, wie diese Strategie funktionierte, auch hier in der Region. Die Referentin beleuchtet die vielschichtige Beteiligung der Gesellschaft: nicht als Anklage, sondern als Einladung, genau hinzuschauen und die eigenen Maßstäbe zu prüfen. Denn NS war nicht irgendwo fern – die Verbrechen begannen von Anfang an vor der Haustür.Der Vortrag will anregen, die Perspektive zu wechseln, die Grautöne zu sehen. „Es geht nicht um Urteile oder Schuld, denn zum Beispiel eine NSDAP-Mitgliedschaft bedeutete nicht automatisch Teil eines Verbrechens zu sein, während die größten Verbrecher häufig nie Mitglieder der Partei waren. Es geht darum, die Perspektive zu wechseln. Der Vortrag  soll dazu anregen, den eigenen Bauchnabel nie als alleinigen Maßstab zu nehmen. Es ist nicht etwas in Ordnung, weil man seine eigenen Taten gerade noch so für tolerabel hält“, so die Referentin. Ein Appell zur Selbstreflexion in einer Zeit, in der Völkisches wieder in weiten Teilen der Gesellschaft hoffähig wird.Der Eintritt ist frei, Spenden zugunsten der „Primel“ sind sehr gerne gesehen.


Info: Derselbe Vortrag findet einen Tag zuvor im Rahmen der Woche des Gedenkens um 19 Uhr im „Felsen“ beim Rittergartenverein statt.

Mit freundlichen Grüßen
Regina Braungart

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