Sie wurden ermordet, weil sie krank waren – Einladung zur Exkursion am 7.3.2026

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Spaichingen – Er war das jüngste der Spaichinger Opfer. Heinrich Obermeier war erst 19, hätte am 3. Mai 1941 seinen 20. Geburtstag feiern können. Aber er erlebte diesen Tag nicht mehr. Am 25. April wurde er ermordet, erstickt mit Kohlenmonoxid. Der Grund: Er hatte als Baby eine Nierenbeckeninfektion und war seitdem halbseitig gelähmt. 

Warum und wann Heinrich Obermeiers Eltern Ludwig, Maurer laut der Geburtsurkunde, und Karolina geborene Wild, Spaichingen mit dem Kind verlassen haben und in Solln bei München gelebt haben, ist bisher noch nicht erforscht.

In Grafeneck wurden die meisten Spaichinger Opfer getötet. Foto Schmelze/Wikicommons

Auftakt zu diesem Projekt für 2026 war ein erschütternder Vortrag des neuen Kreisarchivars Nils Jannik Bambusch im November. Er ist der profundeste Kenner der Geschichte der NS-„Euthanasie“-Verbrechen im Kreis Tuttlingen. Er hat ein bahnbrechendes buch geschrieben und darin erstmals die Namen der Ermordeten recherchiert und aufgeschrieben.

In seinem Vortrag ging er auf die ideologischen Vordenker der Ermordung von Kranken und Behinderten ein, auf die Forderung schon aus dem ende des 19. Jahrhunderts durch Förderung erwünschter Menschen und Ausmerzung Unerwünschter für den „Volkskörper“ ein. Dies machte sich Hitler und der NS Staat zueigen. Bedürftigkeit wurde mit Würdigkeit verknüpft, Mitleid stigmatisiert. Manch einem der rund 60 Zuhörenden klingelten die Ohren ob mancher aktueller Debatten oder abwertend gemeinter Begriffe wie „Gutmenschen“.

Jedenfalls wurden Kinderreiche Familien gefördert, sofern sie ins Rassebild passten. 

Amtsärzte, Mitarbeiterinnen des Gesundheitsamts, sogar Hebammen wurden verpflichtet, „Abweichungen“ zu melden, es gab Erbgesundheitsgerichte und Obergerichte zum Umgang mit den Entscheidungen. Also alles seinen geordneten „gesetzeskonformen“ Gang, wie Bambusch aufzeigte.

Das System war gnadenlos: vermeintlich oder echte Erbkranke wurden sterilisiert zwischen 1934 und 1945, bis zu 400.000 , davon starben dabei 5000 bis 6000, meist Frauen. Auch sechs Spaichingerinnen und Spaichinger wurden so verstümmelt. „Alfred“ war erst 13 Jahre alt.

Neu war für viele zuhörende wahrscheinlich, dass es mit dem stopp der Aktion T4 der systematischen Krankenmorde in 1941, denen rund 70.000 Menschen zum Opfer fielen, auch Kindermorde und später so genannte koordinierte Krankenmorde gab, auch in den Pflegeheimen der Region. Menschen etwa in Geisingen wurden entweder mit Medikamenten totgespritzt oder einfach verhungern lassen.

Hitler hat den entsprechenden Erlass unterzeichnet und das Muster zeigte: Vor allem „dauerhaft anstaltsbedürftige“ oder unbequeme Menschen und solche, die nicht „Nützlich“ waren, wurden ermordet. Bambusch zeigte Plakate, auf denen die „nutzlosen Esser“ gegen die gesunde deutsche Familie ausgespielt wurden.

Kreisarchivar Nils Jannik Bambusch hat zum Auftakt des Projekts einen Vortrag über die Spaichinger Opfer gehalten. Foto: Braungart

Der Verein ist derzeit dabei Biografien und Adressen der Opfer herauszufinden und hofft darauf, dass sich etwaige Angehörige melden. 

Das sind die Spaichinger Opfer:

Getötet wurden neben Heinrich Obermeier Ernst Karl Faude, geb. 5. November 1903; Eugenie Dischler, verheiratet in Freiburg, geborene Sauter, geb. 26. Juni 1876; Alfons Braun, geb. 2. Juni 1904, Hauptstraße 164 (?), Vater Johann Michael Braun, Mutter Maria Anna geb. Hirth; Emilie Bucher, geb. 25. Mai 1900 als Zwillingsschwester von Anna Maria Bucher, Eltern Martin Bucher, Schreiner, Maria Theresia geb Schumacher; Anna Beilharz, geschiedene Reize, geb. 24. Oktober 1868 in Irndorf; August Hauser, geb. 28. November 1895, Eltern Anton Hauser, Zimmermann, und Bertha geb. Dreher; Josef Hecht, geb. 3. Oktober 1869; Paul Honer, geb. 28. Juni 1891, Eltern Josef Honer, Nagelschmid, und Maria Anna geb. Merkt; Josef Schumacher, geb. 26. Mai 1878, Eltern Theodor Schumacherzum Stern zu Hofen und Viktoria geborene Villing; Franz Wiedmaier, geboren 9. September 1880.

Der Verein KZ-Gedenken in Spaichingen lädt in Kooperation mit dem Rittergartenverein alle Interessierten und vor allem auch etwaige Angehörige der Opfer ein, am Samstag, 7. März, an einer Exkursion auf Spendenbasis zur Gedenkstätte der Tötungsanstalt Grafeneck teilzunehmen. Los geht es in Spaichingen um 7.30 am Busbahnhof, in Tuttlingen um 7.50 Uhr an der Tuweass-Haltestelle. Anmeldungen bitte bei braungart@kz-gedenken-spaichingen.de

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