Fotografie mit Liselotte Keil

Verein trauert um sein Gründungsmitglied Liselotte Keil (26.8.1930 – 4.2.2026)

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Spaichingen – „Sie war sicher die letzte Zeitzeugin, die noch persönlich tiefere  Einblicke in die Machenschaften damals hatten“, sagt der frühere Vorsitzende der Freien Wähler und Ehrenringträger Thomas Kästle über Liselotte Keil. Das verweist auf zwei wichtige Punkte ihres öffentlichen Wirkens: ein freier Geist und die Selbstverpflichtung, an die dunkelste Zeit der jüngeren deutschen Geschichte zu erinnern und zum mahnen. Am 4. Februar ist sie 95-jährig gestorben.

Sie hatte nach Oberschule in Spaichingen und Abitur in Rottweil 1947 nach einem zweijährigen Praktikum in der damaligen Müller’schen Apotheke wie ihr Vater Pharmazie studiert. Aber nach dem Studium in Tübingen führte sie ihr Berufsweg erst nach Stuttgart und München als Apothekerin, ehe sie 1965 die inzwischen umbenannte Apotheke am Marktplatz geführt. Wie Ihr Vater Alfred vor ihr. Sie war ein Freigeist, auch das muss sie von ihren Eltern mitbekommen haben, auch wenn diese sie – sie hat das die Nazi-Diktatur ja noch bewusst erlebt – offenbar geschützt haben. Denn klar war auch der Tochter, dass die Eltern keine Nazis waren. Aber dieses Wissen war damals für Kinder und die ganze Familie gefährlich.

Liselotte Keil war gebildet und vielseitig interessiert. Kunst, Geschichte – und sie hat viel gelesen. Aber sie war auch ganz besonders interessiert und verwurzelt an und mit ihrer Geburtsstadt Spaichingen. Der Kreuzplatz und seine Geschichte, der Dreifaltigkeitsberg, die ganze Stadt und ihre Geschichte interessierten sie sehr. Sie war Mitglied im Heimatverein und hatte sich dort engagiert.

Aus einem sehr scharfen und unbestechlichen Verstand heraus betrachtete sie die Gegenwart und die Geschichte. Mehrmals unterstützte sie die Freien Wähler und kandidierte für den Gemeinderat. Und obwohl sie unter anderem als Apothekerin über Jahrzehnte eine wichtige Rolle im öffentlichen Leben Spaichingen spielte und den Menschen zugetan war, hielt sie sich doch immer bescheiden zurück. Aber wenn sie ihre Stimme erhob, dann hatte sie auch etwas zu sagen.

So zum Beispiel, als es um die Gestaltung des Kreuzplatzes und den Erhalt der historischen Prägung mit seinen Linden ging. 

Oder auch vor zehn Jahren, als sie als Gründungsmitglied den Verein „Initiative KZ-Gedenken in Spaichingen e.V.“ mit aus der Taufe gehoben hatte. Es war ihr ein großes Anliegen, diese dunkle Geschichte eben nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, denn sie hat als damals 14-Jährige gehört, wie die Gefangenen Männer mit ihren Holzschuhen schlurfend zur Sklavenarbeit getrieben wurden und gesehen, wie Tote neben den Baracken aufgestapelt wurden, weil der Familiengarten direkt neben dem Konzentrationslager war.

Sie war die älteste von vier Geschwistern, zwei Brüdern, Helmut und Gerhard, und einer Schwester, Renate. Die Familie musste aber 1942 mit großem Schmerz den Unfalltod des damals zehnjährigen Gerhard erleiden. 

„Als hochgebildete Frau las Sie sehr viel und zuhause lagen immer Bücher und Akten herum. Sie war  selbstkritisch, was die eigenen  Erinnerungen betraf. Sie war mit ganzem Herzen und sehr reflektiert an der Aufarbeitung der Spaichinger Geschichte an vorderster Stelle dabei, ohne sich selbst wichtig zu nehmen“, erinnert sich die Gründungsvorsitzende des Vereins KZ-Gedenken in Spaichingen, Ingrid Dapp, an zahlreiche Gespräche. Sie sei ihr ein Vorbild gewesen.

Als Überlebende und deren Angehörige des KZ nach vielen Jahren wieder nach Spaichingen kamen, traf Liselotte Keil sie und half ihnen die Erinnerung zu bearbeiten. 

Bis April 2025 konnte Liselotte Keil in ihrer Wohnung im Neubau der Apotheke seit der Umgestaltung des Marktplatz Ende der 60er, Anfang der 70er-Jahre mit Unterstützung leben, aber dann zwang sie ein Sturz und Beckenbruch ins Krankenhaus und der Umzug ins Seniorenzentrum Aldingen brachte sie in die Nähe ihres Bruders Helmut und seiner Familie. Von einem weiteren Sturz mit Oberschenkelhalsbruch erholte sie sich nicht mehr richtig. Sie schlief dennoch für alle überraschend  am 4. Februar friedlich ein.

„Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Klarheit und der Mut, durch Erinnern sich gegen Unmenschlichkeit zur Wehr zu setzen, auch wenn viele das zunächst lieber verdrängt hätten, das alles verkörperte Liselotte Keil“, so die Vorsitzende des Vereins KZ-Gedenken in Spaichingen, Regina Braungart. „Der Verein trauert in großer Dankbarkeit um sein Gründungsmitglied.“

„Sie war stolze Spaichingerin, aber wir möchten sie bei uns haben“, sagt ihre Nichte Jutta Keil.

Deshalb ist die Trauerfeier mit Urnenbeisetzung am Freitag, 20. Februar, um 13 Uhr auf dem Friedhof in Aldingen.

Regina Braungart, Vorsitzende

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