{"id":688,"date":"2018-05-02T17:47:23","date_gmt":"2018-05-02T17:47:23","guid":{"rendered":"http:\/\/kz-gedenken-spaichingen.de\/?p=688"},"modified":"2018-05-02T17:47:23","modified_gmt":"2018-05-02T17:47:23","slug":"festrede-von-dorothee-roos-in-der-gedenkstatte-eckerwald-am-22-04-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kz-gedenken-spaichingen.de\/?p=688","title":{"rendered":"Festrede von Dorothee Roos in der Gedenkst\u00e4tte Eckerwald am 22.04.2018"},"content":{"rendered":"<div id=\"pl-688\"  class=\"panel-layout\" ><div id=\"pg-688-0\"  class=\"panel-grid panel-has-style\" ><div style=\"padding: 100px 0; \" data-overlay=\"true\" class=\"panel-row-style panel-row-style-for-688-0\" ><div id=\"pgc-688-0-0\"  class=\"panel-grid-cell\" ><div id=\"panel-688-0-0-0\" class=\"so-panel widget widget_sow-editor panel-first-child panel-last-child\" data-index=\"0\" ><div style=\"text-align: left;\" data-title-color=\"#443f3f\" data-headings-color=\"#443f3f\" class=\"panel-widget-style panel-widget-style-for-688-0-0-0\" ><div class=\"so-widget-sow-editor so-widget-sow-editor-base\"><h3 class=\"widget-title\">Festrede von Dorothee Roos in der Gedenkst\u00e4tte Eckerwald am 22.04.2018 <\/h3>\n<div class=\"siteorigin-widget-tinymce textwidget\">\n\t<figure id=\"attachment_691\" aria-describedby=\"caption-attachment-691\" style=\"width: 361px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-691\" src=\"http:\/\/kz-gedenken-spaichingen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/DorotheeRoos_res.jpg\" alt=\"\" width=\"361\" height=\"500\" srcset=\"https:\/\/kz-gedenken-spaichingen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/DorotheeRoos_res.jpg 361w, https:\/\/kz-gedenken-spaichingen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/DorotheeRoos_res-217x300.jpg 217w, https:\/\/kz-gedenken-spaichingen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/DorotheeRoos_res-230x319.jpg 230w, https:\/\/kz-gedenken-spaichingen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/DorotheeRoos_res-350x485.jpg 350w\" sizes=\"auto, (max-width: 361px) 100vw, 361px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-691\" class=\"wp-caption-text\">Dorothee Roos<\/figcaption><\/figure>\n<p>Meine Damen und Herren, sehr verehrte G\u00e4ste und Ehreng\u00e4ste dieser Feierstunde, die Sie aus Nah und Fern gekommen sind, <br \/>es ist mir eine Freude und Ehre, heute zu Ihnen sprechen zu d\u00fcrfen. <br \/>Ich darf mich Ihnen vorstellen: ich hei\u00dfe Dorothee Roos und bin ehrenamtliche Leiterin der KZ-Gedenkst\u00e4tte Neckarelz. Gleichzeitig bin ich die Vorsitzende des 2016 gegr\u00fcndeten Verbundes der Gedenkst\u00e4tten im ehemaligen KZ-Komplex Natzweiler. Im Verbund haben sich 13 Gedenkst\u00e4tten von ehemaligen Au\u00dfenlagern von Natzweiler zusammengeschlossen, 12 davon aus Baden-W\u00fcrttemberg. Gemeinsam mit unseren franz\u00f6sischen Partnern aus weiteren 3 Gedenkst\u00e4tten auf franz\u00f6sischem Boden, darunter der sehr gro\u00dfen Gedenkst\u00e4tte des ehemaligen Hauptlagers Natzweiler, haben wir uns f\u00fcr das europ\u00e4ische Kulturerbe-Siegel beworben, es wurde vor einem Monat in Bulgarien offiziell verliehen. Ich sage das nicht, um damit anzugeben. Ich meine vielmehr, dass wir damit schon sehr nah an dem Motto der diesj\u00e4hrigen Woche der Begegnung dran sind: \u201eGrenzen \u00fcberwinden \u2013 Br\u00fccken bauen \u2013 Europa gestalten\u201c. Dazu jetzt einige Gedanken.<\/p>\n<p>Alle Gedenkst\u00e4tten im Bereich des ehemaligen Konzentrationslager Natzweiler haben vom Moment ihrer Gr\u00fcndung an europ\u00e4ische Vers\u00f6hnungs- und Friedensarbeit geleistet. Und wenn wir \u00fcberlegen, was das eigentlich f\u00fcr eine Arbeit ist und war, dann k\u00f6nnen wir sagen: ja, wir haben viele Grenzen \u00fcberwunden, Br\u00fccken \u00fcber tiefe Gr\u00e4ben gebaut. Der Begriff der Br\u00fccke setzt den Abgrund, die Tiefe voraus. Und wer eine Br\u00fccke bauen will, muss den Abgrund kennen. <br \/>Die Geschichte, um die wir uns k\u00fcmmern, ist die Geschichte von Menschen aus \u00fcber 30 europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, die als Gefangene in unsere jeweiligen Orte verschleppt wurden. Europa war hier \u2013 1944\/45, hier in den \u00d6lschieferfabriken, hier in den Lagern des KZ-Komplex \u201eW\u00fcste\u201c und auch in allen anderen Lagern von Natzweiler. <br \/>Diese Menschen haben in den Lagern Schreckliches erlebt \u2013 und diejenigen, die \u00fcberlebt haben, wollten meist in den Jahren unmittelbar nach dem Krieg nie wieder einen Fu\u00df nach Deutschland setzen. Schrecken, Angst, Hass \u2013 all diese sehr berechtigten Gef\u00fchle versperrten den Weg. Nehmen wir Frankreich und Deutschland als Beispiel. <br \/>Nach drei schlimmen, immer entsetzlicher werdenden Kriegen war das Verh\u00e4ltnis zwischen diesen beiden L\u00e4ndern 1945 komplett zerr\u00fcttet. Und doch hatten gro\u00dfe Staatsm\u00e4nner wie der Chef der franz\u00f6sischen Widerstandsbewegung gegen die Nazi-Okkupation, General Charles de Gaulle, und der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer schon sehr fr\u00fch eine Vorstellung davon, dass dieser scheinbar zu einem festen Block gefrorene Hass in Europa keine absolute Grenze darstellte. Die Grenze konnte und kann \u00fcberwunden oder zum Schmelzen gebracht werden, wenn viele dabei mithelfen, wenn es viele Br\u00fcckenbauer gibt \u2013 und wenn einige, die schon weiter sehen, eine Perspektive, eine Vision er\u00f6ffnen. Diese Perspektive hie\u00df und hei\u00dft Europa \u2013 ein friedliches, ein demokratisches Europa. <br \/>In diesem Prozess der Verst\u00e4ndigung und Vers\u00f6hnung haben in den letzten 60 Jahren St\u00e4dtepartnerschaften, Jugendbegegnungen und Schulaustausche eine wichtige Rolle gespielt. Sie waren wichtig, notwendig und unverzichtbar. Aber \u2013 oft waren diese Begegnungen darauf ausgerichtet, die Vergangenheit ruhen zu lassen und einen Neuanfang zu machen, <br \/>Bei den Gedenkst\u00e4tte war das anders. Ihr Beitrag zur Vers\u00f6hnung und Frieden sparte die dunkelsten, die schmerzlichsten Momente nicht aus. Im Gegenteil: die Gedenkst\u00e4tten schauten dorthin, wo es weh tut. Die Gedenkst\u00e4tten kn\u00fcpften Kontakte zu \u00dcberlebenden oder auch zu den Familien der Toten \u2013 in fast allen L\u00e4ndern Europas und dar\u00fcber hinaus, denn manchmal lebten die Familien in den USA, in Israel oder Australien. Sie lie\u00dfen sich erz\u00e4hlen, was geschehen war \u2013 vor der eigenen Haust\u00fcr, in der eigenen Stadt , im eigenen Landkreis. Das war oft ein sehr schmerzlicher Prozess. Aber siehe da: diese Erz\u00e4hlungen, das Aufschreiben der Geschichten, das Ver\u00f6ffentlichen von B\u00fcchern und Filmen vertiefte nicht den Hass, sondern im Gegenteil. Die Erinnerung wirkt heilend, wenn sie im Geiste des Br\u00fcckenbauens und des \u00dcberwindens der Grenzen geschieht. Das gilt bis heute \u2013 wir alle k\u00f6nnen davon viele Geschichten erz\u00e4hlen. <br \/>Die Arbeit der Gedenkst\u00e4tten war nicht von Anfang an gerne gesehen. Nicht selten waren B\u00fcrgermeister oder Gemeinder\u00e4te nicht erfreut, wenn die dunklen Kapitel der Heimatgeschichte aufgeschlagen wurden. Aber auch sie sprangen irgendwann \u00fcber den Schatten, lie\u00dfen sich anstecken vom Br\u00fcckenbauen und vom \u00dcberwinden der Grenzen, die ja vor allem in den K\u00f6pfen sitzen. Wir alle haben gemeinsam die Erfahrung gemacht, dass aus einer negativen Geschichte letztlich etwas Positives erwachsen kann, etwas, das Freude macht, weil Menschen zusammenfinden, die die Geschichte getrennt hat. Allerdings, das will ich in aller Deutlichkeit sagen, geben diese positiven Entwicklungen unserer schrecklichen Geschichte nicht nachtr\u00e4glich einen Sinn. <br \/>In den letzten Jahren hat dieser Prozess, der vor etwa 30 Jahren in Gang kam, eine neue Stufe erreicht. Die Gedenkst\u00e4tten der ehemaligen Au\u00dfenlager von Natzweiler haben sich zusammengeschlossen und immer st\u00e4rker vernetzt, auch gab es immer intensivere Kontakte zu den franz\u00f6sischen Kollegen. Diese Zusammenarbeit bringt verschiedene Erinnerungskulturen zusammen, sie ist deshalb in mehreren Hinsichten \u201egrenz\u00fcbergreifend\u201c. <br \/>Nunmehr haben wir es geschafft, im Bereich des europ\u00e4ischen Kulturerbe-Siegels die erste grenz\u00fcberschreitende Bewerbung erfolgreich abzuschlie\u00dfen. Doch das Siegel ist ja nur ein \u00e4u\u00dferes Zeichen eines inneren Prozesses. Wir haben es geschafft, einen gemeinsamen Blick auf eine gemeinsame Geschichte zu werfen \u2013 es ist ein europ\u00e4ischer Blick, der selbstverst\u00e4ndlich auch f\u00fcr andere L\u00e4nder offen ist und sie einschlie\u00dfen kann und soll. Die geografische Verteilung der Natzweiler-Au\u00dfenlager legt allerdings zun\u00e4chst eine Verbindung zwischen Frankreich und Deutschland nahe. Gemeinsam k\u00f6nnen wir die Erinnerungskultur weiterentwickeln und f\u00fcr die Gegenwart und vor allem die Zukunft fruchtbar machen. <br \/>Denn ein blo\u00dfes Verharren in der Vergangenheit macht ja keinen Sinn. Auch wenn wir diese Vergangenheit akribisch erforscht haben und immer noch neue Tatsachen herausfinden \u2013wir tun das nicht um der Vergangenheit willen. Wir wollen und wir m\u00fcssen das Bewusstsein daf\u00fcr sch\u00e4rfen, wie wertvoll der Friede in Europa ist \u2013 und wie kostbar und auch zerbrechlich demokratische Strukturen sind. <br \/>Wir erleben gerade jede Menge Beispiele f\u00fcr ein Wiedererstarken des Nationalismus in Europa. Es gibt viele, die m\u00f6chten, dass Grenzen, Mauern und Z\u00e4une wieder wachsen, es gibt viele, die demokratische Grundpfeiler wie Gewaltenteilung, Pressefreiheit oder Achtung von Menschenrechten f\u00fcr \u00fcberfl\u00fcssig halten und vor allem in Kategorien nationaler Gr\u00f6\u00dfe und Macht denken. Die Gedenkst\u00e4tten m\u00fcssen sich dieser europ\u00e4ischen Verantwortung stellen. Sie m\u00fcssen zeigen, wohin eine Politik der nationalen St\u00e4rke f\u00fchren kann. <br \/>Denn die Erfahrung von Krieg und Diktatur verschwindet langsam aus dem kollektiven Ged\u00e4chtnis. Die Gedenkst\u00e4tten in Europa heben die Geschichte auf \u2013 in einem doppelten Sinn. Sie bewahren sie, aber sie \u00fcberschreiten sie gleichzeitig, weisen \u00fcber sie hinaus. Denn Gedenkst\u00e4tten sind keine Museen, Sie haben auch einen politischen Auftrag, in einem weiten Sinn: im Sinn des Nach-Denkens und der Sensibilisierung. <br \/>Ich m\u00f6chte schlie\u00dfen mit den Worten eines KZ-\u00dcberlebenden, Albert Geiregat aus Nancy. Er war der j\u00fcngste politische H\u00e4ftling im Lager Neckarelz und in diesem Bewusstsein einen Brief an deutsche Jugendliche. Dieser Brief dr\u00fcckt sehr gut aus, was ich zu umschreiben versucht habe. Albert Geiregat erz\u00e4hlt zun\u00e4chst vom erlittenen Leid, doch dann \u00e4ndert sich der Ton seiner Briefes. Ich zitiere: <br \/>\u201eAll das liegt heute so weit zur\u00fcck.... Aber der Neckar ist immer noch da; ruhig flie\u00dft er zwischen sei\u00acnen Ufern dahin.<br \/>Schon lange hat er das Bild jener v\u00f6llig abgemagerten bleichen Gesch\u00f6pfe, die seine Ufer bev\u00f6lkerten, in die Tiefe seiner Wasser hinuntergenommen und ins Meer getragen.<br \/>Ihr jungen Leute von heute geh\u00f6rt einer neuen Generation an. Nur in Gedanken kann ich eine Verbindung herstellen zwischen mir Siebzehnj\u00e4hrigem damals in Neckarelz und euch Siebzehnj\u00e4hrigen von heute. <br \/>Mein Enkel, der in Stra\u00dfburg lebt, ist auch siebzehn Jahre alt. Er wohnt auf dem linken, dem franz\u00f6sischen Ufer des Rheins. Diese Grenze, die uns fr\u00fcher getrennt hat, verschwindet heute durch die gro\u00dfe Europabr\u00fccke. <br \/>Eure Aufgabe, die der jungen Generation, wird es sein, diese Br\u00fccke zu erhalten. Ihr m\u00fcsst sie immer noch gr\u00f6\u00dfer zu machen, im Geist der Br\u00fcderlichkeit und des wiedergefundenen Friedens.<br \/>Doch seid wachsam, damit das Ungeheuer von damals nicht wieder heraufsteigt und aufs Neue die Einheit der V\u00f6lker Europas zerbricht.<br \/>Ich beende meine kleine Rede damit, dass ich euch unseren Wahlspruch sage. Bitte merkt ihn euch gut und behaltet ihn stets im Ged\u00e4chtnis:<br \/>\"Kein Hass - kein Vergessen!\"<\/p>\n<\/div>\n<\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Damen und Herren, sehr verehrte G\u00e4ste und Ehreng\u00e4ste dieser Feierstunde, die Sie aus Nah und Fern gekommen sind, es ist mir eine Freude und Ehre, heute zu Ihnen sprechen zu d\u00fcrfen. Ich darf mich Ihnen vorstellen: ich hei\u00dfe Dorothee Roos und bin ehrenamtliche Leiterin der KZ-Gedenkst\u00e4tte Neckarelz. 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