Grußwort Heiner Geißler zur Enthüllung der Gedenktafel am 19.07.2017

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Sehr geehrte Frau Dr. Dapp,

bitte übermitteln Sie den Anwesenden meine herzlichen Grüße.

Ich kann die Hitzewelle gesundheitlich nicht ertragen und kann deshalb nicht kommen, bin aber gerne bereit, zu einem späteren Termin nach Spaichingen zu fahren. Dabei hatte ich mich, unbeschadet unserer Gedenkstunde, sehr darauf gefreut, die Stadt und vielleicht auch alte Bekannte und Verwandte wiederzusehen. Im folgenden einige Gedanken zur Enthüllung der Gedenktafel:

Die Spaichinger sind mir aus mehreren Gründen ans Herz gewachsen.

Meine Familie war Anfang der vierziger Jahre in Hannover ausgebombt worden und hatte, nicht nur wegen der verwandtschaftlichen Wurzeln, eine menschenfreundliche Aufnahme gefunden. In ihr habe ich als 15jähriger 1945 den Übergang vom Nationalsozialismus zu den ersten Jahren der Freiheit und Demokratie erlebt und wurde geprägt durch Erlebnisse, die ich nicht vergessen konnte. Dass schon 1937 in Ravensburg, wo ich damals lebte, mein Kinder- und Schulfreund, der  Zigeunerjunge Kajetan, mit dem ich jahrelang im Binsendickicht der Schussen gespielt hatte und mit dem ich in einer Schulbank saß, von der Polizei abgeholt wurde, war für meine kindliche Seele völlig unverständlich. Wenige Jahre später, 1943, wurde meine geliebte Klavierlehrerin, die Halbjüdin Judith Holz, zu der ich regelmäßig von Spaichingen nach Tuttlingen fuhr, ebenfalls deportiert und wie ich später in Erfahrung brachte, in Mauthausen ermordet.

Mit der Unmenschlichkeit des Naziregimes wurden die Spaichinger konfrontiert, als Anfang der vierziger Jahre ein Außenlager des KZ Schömberg, das wiederum zum KZ-Natzweiler-Struthof gehörte, errichtet wurde.

Eines Tages, im November 1944, kam ich mit meinem Vater, damals Major der Wehrmacht, die Bahnhofstraße herunter, als auf der Hauptstraße eine Häftlingskolonne – in Holzschuhen, wie ich mich erinnere –, vorbei marschierte, einer der Häftlinge stolperte und am Boden liegen blieb. Einer der Kapos, ein SS-Unteroffizier, begann, den Verunglückten zu treten und mit dem Gewehrkolben auf ihn einzuschlagen. Mein Vater lief hin und befahl dem SS-Mann, sofort aufzuhören. Der Häftling, der nicht mehr gehen konnte, wurde dann von seinen Kameraden zum Lager gebracht. Mein Vater bekam erhebliche Schwierigkeiten, von denen ich aber im Einzelnen nichts erfuhr.

An einem anderen Tag war ich mit meiner kleinen Schwester auf dem Weg nach Hausen ob Verena. Parallel dazu verlief der Stacheldrahtzaun zum Arbeitsgelände des KZ. Meine Schwester hatte einen Apfel in der Hand und schob ihn unter dem Zaun zu einem Häftling, der plötzlich mit bittenden Händen auf der anderen Seite des Zaunes stand. Nachdem er ihn aufgehoben hatte, wurde er von einem SS-Mann von hinten niedergeschlagen und immer weiter geschlagen. Wir liefen schreiend nach Hause.

Ein drittes Ereignis hat mir meine Mutter berichtet. In einer Strafaktion wurden im Winter 1944/45 Häftlinge nachts an Pfähle gefesselt und mit Wasser übergossen. Bevor sie erfroren waren, hörte man eine Stunde lang ihre unmenschlichen Schreie. Die ganze Stadt flüsterte noch tagelang hinter vorgehaltener Hand über dieses Verbrechen.

An diese Ereignisse erinnere ich mich noch heute und meine grundsätzliche und kompromisslose Abwehrhaltung gegen alles Rechtsradikale hat unter anderem hier ihren Ursprung.

Mit dieser Gedenktafel setzen die Spaichinger ein sichtbares Zeichen der Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus. Sie geben damit auch ein sichtbares Beispiel dafür, dass in einer Zeit, in der der Rechtspopulismus wieder Mode wird, wir uns gegen diese menschenfeindlichen Ideologien wehren müssen und die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus nicht gelöscht werden dürfen. Die nationalistische Ideologie darf bei uns nie mehr eine Chance bekommen.

 Mein Dank und meine Anerkennung gelten daher der Initiative KZ-Gedenken in Spaichingen. Die Initiatoren leisten damit einen unverzichtbaren Beitrag für Freiheit und Rechtstaat in unserer Demokratie.

 Mit freundlichem Gruß

Ihr

Heiner Geißler

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